Leben
Luigi Boccherini – ein europäischer MeisterDas Leben des Luigi Boccherini (1743–1805) war eine beeindruckende Reise
durch die kulturellen Zentren Europas. Von seiner musikalischen Kindheit in Lucca
führte ihn sein Weg als gefeierter Cellovirtuose über Wien und Paris bis nach Spanien,
das zu seiner zweiten Heimat wurde.
Entdecken Sie die Lebensgeschichte eines wahren Europäers, dessen persönliche und künstlerische Reise die Grenzen seiner Zeit überwand.
Luigi Boccherini (1743–1805), ein Name, der in der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts für eine einzigartige Verbindung von italienischer Kantabilität, rhythmischer Vitalität, autonomer Stimmführung, französischer Eleganz und manchmal spanischem Kolorit steht.
Als gefeierter Cellovirtuose und unermüdlicher Komponist von über 500 Werken, insbesondere im Bereich der Kammermusik, schuf er ein eigenständiges Werk.
Seine Laufbahn führte ihn zu den großen kulturellen Zentren Europas – von seiner Heimatstadt Lucca über Rom, Wien und Mannheim bis nach Paris und schließlich Madrid, wo er die längste und prägendste Zeit seines Lebens verbrachte. Ohne jemals in Berlin gewesen zu sein, schuf er als Titularkomponist des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II binnen elf Jahren eine große Anzahl von Werken. Boccherinis Werk ist das eines wahren Europäers, der die nationalen Stile seiner Zeit nicht nur kannte, sondern sie in seiner Musik zu einer neuen, zutiefst persönlichen und universellen Sprache verschmolz.
Zeittafel
1743
geboren am 19. Februar in Lucca
als viertes Kind des Kontrabassisten Leopoldo Boccherini und seiner Frau Maria Santa Prosperi
1749-53
Schulbesuch
des Seminars von San Giovanni, Lucca
1754-56
Studium im Rom
wahrscheinlich bei dem Komponisten und Cellisten Giovanni Battista Costanzi
1756
Aufritt als Cellist
mit eigenen Konzerten bei kirchlichen Festen in Lucca
1757
Erste Reise
mit dem Vater, der Schwester Maria Esther, dem Bruder Giovanni Gastone über Venedig und Triest nach Wien
1758
Cellist im Orchester
des Kärntnertortheaters in Wien;
Solo-Auftritt(e) bei Akademie-Konzerten während der Fastenzeit im Burgtheater
1760-61
Zweites Engagement
im Kärntnertortheater, Wien;
erste Kompositionen laut eigenem Katalog: Op. 1, Sechs Streichtrios; Op. 2, Sechs Streichquartette, Op. 3, Sechs Violinduette
1761
schickt am 28. August ein Gesuch um eine Anstellung als Cellist in der Capella Palatina von Lucca; Auftritte mit eigenen Cello-Konzerten in Lucca
1764
Drittes Engagement
im Kärntnertortheater, Aufritte bei Akademien im Burgtheater (15. April, 21. Oktober 1763)
1765
Reisen nach Genua, Mailand, Padua,
im Juli spielen Leopoldo und Luigi im Orchester von Giovanni Battista Sammartini
1765
Aufführung
Dezember: Aufführung der Kantate La Confederazione dei Sabini com Roma in Lucca
1766
Tod des Vaters
30. August: Tod des Vaters Leopoldo Boccherini;
29. September: Letztes Konzert in Lucca, Klosterkirche San Michele
1767
Quartetto Toscano
mit Pietro Nardini, Filippo Manfredi, Giuseppe Cambini;
Erster Druck: Streichtrios (Bailleux, Paris), Streichquartette (Venier, Paris)
1768
Aufenthalt in Paris
mit Filippo Manfredi, 20. März: Auftritt bei einem Concert Spirituel; Komposition und Publikation der Sechs Sonaten für Klavier und Violine, Op. 5 (Verlag: Venier);
Ankunft in Spanien; Auftritt als Solocellist in Aranjuez bei einer Aufführung der Theaterkompagnie von Luigi Marescalchi
1769
Hochzeit
17. August: Hochzeit mit der Sopranistin Clementina Pelliccia (1749-1785) in der Kirche Santíssima Trinidad in San Ildefonso (La Granja)
1770-85
Komponist, Kapellmeister und Cellist
Im Dienst als Komponist, Kapellmeister und Cellist bei Don Luis de Borbón, Infant von Spanien, ab 1777 in Arenas de San Pedro, Provinz Ávila
1770-83
Geburt von sieben Kindern
Maria Joaquina (1770-96),
Luis Marcos (1774-?),
José Mariano (1776-1847),
Maria Teresa (1777?-1804),
Félix Luis (†1780),
Mariana (1782-1802),
Isabel (1783-1802)
1781
Komposition
des Stabat Mater, erste Version
1781-82
Briefkontakt mit Josef Haydn
1783
Brief von Friedrich Wilhelm
Prinz von Preußen
am 1. Oktober
1785
Tod der Ehefrau
2. April: Tod der Ehefrau Clementina
7. August: Tod von Don Luis
1786
Rückkehr nach Madrid
1786-87
Im Dienst als Kapellmeister
bei den Grafen-Herzögen Benavente Osuna Komposition und Aufführung der Zarzuela La Clementina nach einem Libretto von Ramón de la Cruz
1786-97
Kammerkomponist
von Friedrich Wilhelm II von Preußen
1787
Eheschließung
mit Maria Pilar Joaquina Porreti (1750-1805)
1797
Tod von Friedrich Wilhelm II
von Preußen
am 16. November
1797-98
Komponist für Borja de Riquer i Ros,
Marqués von Benavent, Gitarren-Quintette, Sinfonia concertante für Gitarre
1800
Stabat Mater,
zweite Version, gewidmet Lucien Bonaparte, Drucke: 1801 Neapel (Amiconi), 1805 Paris (Sieber Père)
1801
Im Dienst bei Lucien Bonaparte,
französischer Botschafter in Madrid
1804
Letzte Werke:
Zwei Streichquartette Op. 64, das letzte unvollendet
1805
Tod
11. Januar: Tod von Maria Pilar Joaquina
28. Mai: Tod von Luigi Boccherini in Madrid, Beisetzung in der Kirche Santos Justo y Pastor, heute San Miguel, 1927 Überführung nach Lucca in die Kirche San Francesco
Herkunft und Kindheit in Lucca: Die Wiege der Musik
Am 19. Februar 1743 erblickte Luigi Rodolfo Boccherini in der toskanischen Stadtrepublik Lucca das Licht der Welt.
Lucca war zu dieser Zeit nicht nur eine wohlhabende Handelsstadt, geschützt von mächtigen Mauern, deren Wehrgänge von Platanen gesäumt waren, sondern auch ein pulsierendes Zentrum der Musik. In den unzähligen Kirchen und Palästen, bei prunkvollen religiösen Prozessionen und wichtigen politischen Ereignissen war die Musik allgegenwärtig und ein wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Lebens. Die Stadt unterhielt mit der Cappella Palatina ein eigenes Orchester, das sowohl für die tägliche Tafelmusik der Stadtregierung als auch für die musikalische Ausgestaltung staatlicher Feste zuständig war. Die bedeutendste religiöse Feier war das Fest des Heiligen Kreuzes (Santa Croce), bei dem das berühmte Kruzifix Volto Santo in einer prunkvollen Prozession durch die Stadt getragen wurde, begleitet von der besten Musik, die man in ganz Italien hören konnte, wie der Reisende Georg Christoph Martini bewundernd feststellte.
In dieses musikalische Biotop wurde Luigi als viertes von sechs Kindern des Musikers (Kontrabass, Gesang, gelegentlich Cello) Leopoldo Boccherini und seiner Frau Maria Santa Prosperi hineingeboren.
Die Familie war ein wahrer Künstlerhaushalt: Die Schwestern Maria Ester und Anna Matilde machten später als Tänzerinnen in Wien Karriere, während der Bruder Giovanni Gastone als Tänzer und erfolgreicher Librettist – unter anderem für Joseph Haydns Oratorium Il ritorno di Tobia – ebenfalls in der Kaiserstadt wirkte. Der Vater Leopoldo, selbst ein angesehener Musiker in der Cappella Palatina unter der Leitung des musikalischen Oberhaupts der Stadt, Giacomo Puccini senior (einem Vorfahren des berühmten Opernkomponisten), erkannte früh das außergewöhnliche Talent seines Sohnes und wurde sein erster und wichtigster Förderer. Er zögerte nicht, seinen eigenen Dienst im Orchester zu unterbrechen, um Luigi auf seinen entscheidenden Reisen zu begleiten.
Seine formale musikalische Ausbildung erhielt der junge Luigi von 1749 bis 1753 am Seminario di San Giovanni in Lucca, wo er Grammatik, aber vor allem die Grundlagen der Musik, den Cantus firmus, Kontrapunkt und Generalbass, erlernte. Sein erster Cellolehrer war der Abt Domenico Francesco Vannucci. Doch sein Talent am Violoncello war so überragend, dass sein Vater beschloss, ihm eine weiterführende Ausbildung zu ermöglichen, die über die Möglichkeiten Luccas hinausging.
Schon als Achtjähriger sang Luigi bei den großen Festen als Sopran im Chor, ein früher Beweis seiner tiefen Verwurzelung in der Vokaltradition, die sein instrumentales Schaffen lebenslang prägen sollte.
Ausbildung und frühe Einflüsse: Römische Lehrjahre
Ende 1753, im Alter von nur zehn Jahren, schickte der Vater seinen Sohn nach Rom.
Die ewige Stadt war damals ein Schmelztiegel musikalischer Traditionen und Innovationen. Hier wurde Luigi vermutlich Schüler des berühmtesten Cellisten und Komponisten seiner Zeit: Giovanni Battista Costanzi, ehrenvoll „Giovannino del Violoncello“ genannt. Costanzi war Kapellmeister der Cappella Giulia im Petersdom und verkörperte die modernsten Entwicklungen der italienischen Instrumentalmusik. Er stand in der Nachfolge von Arcangelo Corelli und war ein Meister des kantablen Stils, der die Instrumentalmusik zunehmend von der reinen Virtuosität löste und sie mit gesanglicher Ausdruckskraft erfüllte.
In Rom sog der junge Boccherini die musikalische Atmosphäre in sich auf. In der Sixtinischen Kapelle hörte er die große Kirchenmusik der Vergangenheit, wie die Werke Palestrinas und das berühmte Miserere von Allegri, während in den Salons und anderen Kirchen der neue, galante und konzertante Stil dominierte.
Diese Jahre in Rom, die bis etwa 1756 dauerten, waren entscheidend für die Perfektionierung seines Cellospiels und prägten seinen Sinn für melodische Eleganz und strukturelle Klarheit. Er lernte, das Cello nicht nur als Bassinstrument, sondern als eine dem menschlichen Gesang ebenbürtige Solostimme zu behandeln.
Nach seiner Rückkehr nach Lucca trat der kaum dreizehnjährige Boccherini bereits am 4. August 1756 mit einem eigenen Cellokonzert in der Kirche San Domenico auf und erregte in seiner Heimatstadt großes Aufsehen.
Italienische und europäische Jahre: Auf den Bühnen Europas
Die folgenden Jahre waren von einer rastlosen Reise- und Konzerttätigkeit geprägt. Zwischen 1758 und 1764 hielt sich Boccherini dreimal für längere Zeit in Wien auf. Die Habsburger Metropole war ein brodelndes Zentrum der musikalischen Vorklassik. Boccherini fand eine Anstellung als Cellist im Orchester des Kärntnertor-Theaters und kam in Kontakt mit der Musik von Christoph Willibald Gluck und Georg Christoph Wagenseil. Insbesondere die reiche Wiener Ballett- und Tanzmusik, allen voran Glucks revolutionäres Handlungsballett Don Juan ou le Festin de Pierre, hinterließ einen tiefen Eindruck. Die dramatische Geste, die rhythmische Vitalität und die farbenreiche Instrumentation dieser Werke schlugen sich später in der theatralischen Intensität seiner eigenen Kompositionen nieder, wie etwa in seiner berühmten Sinfonie La casa del diavolo.
Während dieser Wiener Jahre entstanden auch die ersten Werke, die Boccherini später in sein eigenes Verzeichnis aufnahm: die sechs Streichtrios op. 1 (1760) und die sechs Streichquartette op. 2 (1761). Mit diesen frühen Werken, die bereits eine erstaunliche satztechnische Reife und melodische Originalität aufweisen, positionierte er sich bereits als hochtalentierter Komponist von Kammermusik und trug maßgeblich zur Etablierung dieser neuen Gattungen bei.
Nach seiner Rückkehr nach Lucca erhielt er 1764 endlich die lang ersehnte feste Anstellung als Cellist in der Cappella Palatina. Im folgenden Jahr komponierte er im Auftrag der Stadt die Kantate La confederazione dei Sabini con Roma für die städtischen Wahlen. Eine Begegnung mit dem einflussreichen Komponisten Giovanni Battista Sammartini in Pavia und Cremona erweiterte seinen musikalischen Horizont zusätzlich.
Ein entscheidendes Ereignis dieser Zeit war die Gründung des sogenannten „Toskanischen Quartetts“ um 1766. Zusammen mit den berühmten Geigern Pietro Nardini und Filippo Manfredi sowie dem Bratschisten Giuseppe Maria Cambini bildete Boccherini eine der ersten professionellen Streichquartettformationen der Musikgeschichte. Diese intensive Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Virtuosen war eine Schule des Zusammenspiels und der kammermusikalischen Verfeinerung. Nach dem Tod seines Vaters im selben Jahr wurde der Geiger Filippo Manfredi zu seinem engsten musikalischen Partner und Reisegefährten.
Wendepunkt Paris und Ankunft in Spanien
Ende 1767 brachen Boccherini und Manfredi von Genua nach Paris auf, mit dem ursprünglichen Plan, nach London weiterzureisen. Der nur wenige Monate dauernde Aufenthalt in der französischen Hauptstadt sollte sich jedoch als entscheidender Wendepunkt in Boccherinis Karriere erweisen. Paris war das unangefochtene Zentrum des europäischen Notendrucks, und noch vor seiner Ankunft waren dort bereits seine ersten Werke erschienen und hatten seinen Ruf als Komponist begründet. Die Verleger Venier und Bailleux hatten seine Quartette op. 2 und Trios op. 1 veröffentlicht und damit den Pariser Markt für die neue italienische Kammermusik geöffnet.
In den Salons des kunstsinnigen Adels, wie bei Baron Charles-Ernest de Bagge und der Pianistin Madame Brillon de Jouy, verkehrten die beiden italienischen Virtuosen und knüpften wichtige Kontakte. Für Madame Brillon komponierte Boccherini seine sechs Sonaten für Klavier und Violine op. 5, die seinen Ruf als Meister galanter und empfindsamer Musik festigten. In Paris wandelte er sich endgültig vom reisenden Cellovirtuosen zu einem der gefragtesten Instrumentalkomponisten Europas. Während seine Kompositionen gefeiert wurden, stieß sein Cellospiel bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt im Concert Spirituel auf gemischte Reaktionen. Die Pariser waren bereits an den brillanten Stil der französischen Celloschule um Jean-Pierre und Jean-Louis Duport gewöhnt und empfanden Boccherinis kantablen, gesanglichen Ton möglicherweise als weniger spektakulär.
Aus bis heute nicht vollständig geklärten Gründen gaben die beiden Freunde den Plan einer Weiterreise nach London auf. Stattdessen fassten sie einen neuen Entschluss: Im Frühjahr 1768 zogen sie nach Madrid.
Das Leben in Spanien: Hof, Mäzene und Schaffen
Während sein Freund Manfredi nach wenigen Jahren nach Italien zurückkehrte, sollte Spanien für Boccherini zur neuen Heimat werden, die er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen würde. Er schloss sich zunächst einer italienischen Operntruppe an und heiratete am 17. August 1769 die römische Sopranistin Clementina Pelliccia.
Der entscheidende Schritt für seine Karriere in Spanien erfolgte im November 1770, als ihn der Infant Don Luis Antonio de Borbón, der Bruder des spanischen Königs Karl III., zu seinem compositore e virtuoso di camera (Kammerkomponist und -virtuose) ernannte. Die folgenden fünfzehn Jahre im Dienste des kunstsinnigen und musikliebenden Infanten waren eine Zeit intensiver und gesicherter Schaffenskraft. Boccherini folgte dem Hofstaat bei seinen ständigen Wechseln zwischen den königlichen Residenzen in und um Madrid – Aranjuez, San Ildefonso, El Escorial.
In dieser Phase entwickelte Boccherini eine seiner wichtigsten und originellsten Gattungen: das Streichquintett mit zwei Violoncelli. Die Legende besagt, dass diese Besetzung aus der praktischen Notwendigkeit entstand, da zum bereits bestehenden Streichquartett am Hofe des Infanten Boccherini selbst als zweiter Cellist hinzukam. Doch weit mehr als ein Zufallsprodukt, war diese Besetzung die ideale Plattform für Boccherinis kompositorische Vision. Sie erlaubte ihm, die klangliche Fülle eines kleinen Orchesters mit der Intimität der Kammermusik zu verbinden und dem Cello, seinem Instrument, eine führende, melodische Rolle zu geben. Er komponierte über 100 Werke in dieser Besetzung und machte sie zu seinem Markenzeichen.
Ein dramatischer Einschnitt erfolgte 1776, als Don Luis aufgrund einer morganatischen (nicht standesgemäßen) Ehe den Hof in Madrid verlassen musste und ins Exil nach Arenas de San Pedro verbannt wurde. Boccherini folgte seinem Mäzen in die Abgeschiedenheit der Provinz. Diese Jahre waren geprägt von einer Konzentration auf die Kammermusik für kleinere Besetzungen. Die Isolation von den großen Musikzentren führte zu einer Vertiefung seines Personalstils. Hier entstanden einige seiner berühmtesten Werke, darunter die Erstfassung seines ergreifenden Stabat Mater (1781) für Sopran und Streichquintett sowie das pittoreske Quintett Musica Notturna delle Strade di Madrid, das die nächtlichen Klänge der spanischen Hauptstadt porträtiert und seine Fähigkeit zur musikalischen Genremalerei unter Beweis stellt.
Schicksalsschläge und späte Jahre
Das Jahr 1785 brachte zwei schwere Schicksalsschläge, die Boccherinis Leben aus der Bahn warfen: Am 2. April starb seine Frau Clementina, und nur wenige Monate später, am 7. August, verstarb auch sein Mäzen, der Infant Don Luis. Boccherini kehrte als Witwer mit sechs Kindern nach Madrid zurück. In dieser prekären Situation zeigte sich jedoch die Wertschätzung, die er genoss. Dank einer großzügigen Pension des spanischen Königs Karl III. und einer neuen, prestigeträchtigen Anstellung war seine finanzielle Situation jedoch vorerst gesichert.
Am 21. Januar 1786 ernannte ihn der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, der noch im selben Jahr zum König gekrönt wurde, zu seinem Kammerkomponisten. Für ein stattliches Jahresgehalt von 1.000 Talern schickte Boccherini von Madrid aus jährlich eine festgelegte Anzahl von Kompositionen nach Berlin. Da der König selbst ein ausgezeichneter Cellist war, konzentrierte sich Boccherini in dieser Zeit erneut auf Streichquintette mit zwei Celli, die dem Geschmack seines königlichen Gönners entgegenkamen. Parallel dazu war er von 1786 bis 1787 als Orchesterleiter für die kunstsinnige Herzogin von Osuna in Madrid tätig, für die er unter anderem die charmante Zarzuela La Clementina komponierte. 1787 heiratete er in zweiter Ehe María Joaquina Porreti, die ihm in den kommenden Jahren eine wichtige Stütze war.
Ab etwa 1796 intensivierte er seine Kontakte zum Pariser Musikmarkt wieder und begann eine wechselvolle Geschäftsbeziehung mit dem Verleger Ignaz Pleyel, die von gegenseitiger Wertschätzung, aber auch von Missverständnissen und finanziellen Streitigkeiten geprägt war. Der plötzliche Tod seines preußischen Gönners Friedrich Wilhelm II. im Jahr 1797 brachte Boccherini jedoch in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten, da die Zahlungen aus Berlin ausblieben. Ein neuer Mäzen fand sich kurzzeitig in Lucien Bonaparte, dem Bruder Napoleons und französischen Botschafter in Madrid, der ihn von 1800 bis 1802 unterstützte.
Die letzten Lebensjahre waren von schweren persönlichen Verlusten überschattet. Zwischen 1796 und 1804 starben drei seiner Töchter sowie seine zweite Frau. Trotz der Unterstützung durch Gönner lebte Boccherini in bescheidenen Verhältnissen. Die Legende seines Todes in völliger Armut ist zwar übertrieben, doch seine finanzielle und gesundheitliche Lage war prekär. Am 28. Mai 1805 starb er in Madrid an einer Bauchhöhlentuberkulose.
Luigi Boccherini und sein musikalisches Vermächtnis
Luigi Boccherini hinterließ ein gewaltiges Œuvre, das ihn als den bedeutendsten italienischen Komponisten von Instrumentalmusik im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ausweist. Sein Personalstil ist eine unverwechselbare Synthese aus der kantablen Melodik seiner italienischen Heimat, einem feinen Gespür für Form und Struktur, das er in Wien schulte, der Eleganz der Pariser Schule und den rhythmischen und klanglichen Farben seiner spanischen Wahlheimat. Er selbst sagte, seine Musik sei gemacht, „um zum Herzen des Menschen zu sprechen“, und dieser Leitsatz durchdringt sein gesamtes Schaffen.
Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der klassischen Kammermusikgattungen. Während seine Beiträge zum Streichtrio und Streichquartett bedeutend sind, gilt er als der eigentliche „Erfinder“ und unbestrittene Meister des Streichquintetts mit zwei Violoncelli. Seine Musik ist geprägt von lyrischer Anmut, rhythmischer Finesse, oft einer tiefen, bittersüßen Melancholie, aber auch von extrovertierter Dramatik und Lebensfreude. Er erweiterte die technischen und klanglichen Möglichkeiten des Cellos und etablierte es endgültig als gleichberechtigtes Soloinstrument in der Kammermusik.
Nach seinem Tod wurde seine Musik vor allem in Frankreich weiterhin hochgeschätzt, wo der Geiger Pierre Baillot seine Werke regelmäßig in seinen Konzerten aufführte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verengte sich die Wahrnehmung jedoch zunehmend auf wenige, kaum repräsentative Stücke wie das berühmte Menuett aus dem Streichquintett op. 11 Nr. 5 und eine stark bearbeitete Fassung seines Cellokonzerts in B-Dur. Diese Reduzierung auf „liebliche“ Salonmusik tat seinem Ruf unrecht und verstellte lange den Blick auf die Tiefe, Komplexität und Innovationskraft seines Werks. Erst im 20. Jahrhundert begann eine umfassende Wiederentdeckung seines reichen und vielfältigen Schaffens, die bis heute andauert.
Im Jahr 1927 wurden seine sterblichen Überreste in einem symbolischen Akt von Madrid in seine Geburtsstadt Lucca überführt, wo sie in der Kirche San Francesco ihre letzte Ruhe fanden – eine späte Heimkehr für einen der großen europäischen Meister des 18. Jahrhunderts.

